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Antiziganistische Zustände : zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments / Hrsg. Markus End; Kathrin Herold; Yvonne Robel. -1. Aufl. – Münster: Unrast-Verl., 2009 -284 S. 
ISBN 978-3-89771-489-2

Mit der Herausgabe des Sammelbandes „Antiziganistische Zustände – Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments“ wird dem/der Leser/in ein breit gefächerter theoretischer Überblick und Einstieg in das Thema Antiziganismus in Deutschland und weiteren europäischen Ländern wie Rumänien, Kosovo und Italien gewährt.
Die Herausgeber/innen definieren den Antiziganismus als „diskriminierende Praxen gegenüber als „Zigeuner“ titulierten Menschen - von ausschließenden Strukturen bis hin zu manchmal tödlicher Gewalt - als auch kulturell vermittelte stereotype Denkmuster und Bilder“ (S.19). Die Autor/innen des Sammelbandes zeigen in zwölf Beiträgen, die in vier größere Themenkomplexe (Zur Theorie und Kritik des Antiziganismus; Bundesdeutscher Erinnerungsdiskurs; Mediale Repräsentationen; Antiziganismus in Europa) eingeteilt sind, auf welchen Feldern und in welcher Form Antiziganismen vorherrschen.
Roswitha Scholz betrachtet den Antiziganismus in seiner Historie in Deutschland und geht dabei auf strukturelle Verknüpfungen zu kapitalistischen Strukturen ein. 
Zwar wurden durch Lippenbekenntnisse der Völkermord an Roma und Sinti während der nationalsozialistischen Zeit erstmals seit 1982 durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt anerkannt, aber als Opfer des Nationalsozialismus bleiben sie dennoch meist unbeachtet und erfahren teilweise noch heute Sonderbehandlungen und –erfassungen. 
Nach 1945 wurden teilweise deutsche Pässe nicht wieder an Roma und Sinti zurückgegeben. So wurden diese Menschen in die Papierlosigkeit gezwungen und auch Abschiebungen treten immer wieder als ein „Strukturmerkmal des Antiziganismus“ (S.31) auf.
In der Mehrheitsgesellschaft sind Vorurteile gegenüber „Zigeuner/innen“ auch weiterhin mit alten Stereotypen und Diskriminierungen besetzt, wie dem Stereotyp, dass sie stinken, stehlen und arbeitsfaul seien. So erwähnt Roswitha Scholz eine Studie von 1994, in der sich herauskristallisierte, dass 68% der Deutschen keinen „Zigeuner“ als Nachbarn haben möchte. Dies stelle die „potenzielle Angst“ der Befragten dar, sie könnten selbst aus dem „Kontext anständiger bürgerlicher Subjektivität“ herausfallen (S.38).
Rafaela Eulberg beschreibt in ihrem Beitrag „Zum Verhältnis der Konstruktion von Geschlecht und Ethnie“, dass sich diese beiden Teildimensionen in dem „Zigeunerdiskurs“ beeinflussen. In diesem werden oftmals Parallelen zwischen der weiblichen sowie der „Zigeuneridentität“ gezogen.
Jan Severin untersucht in seinem Artikel Antiziganismen in der deutschen Ethnologie, wobei der Zusammenhang zur deutschen Geschichte dem/r Leser/in nicht vorenthalten wird. Severin macht mit Hilfe der Untersuchungen des seit 1977 existierenden „Projektes Tsgianologie“ der Gießener Universität deutlich, dass Antiziganismen in dieser Wissenschaft noch heute zu finden sind, auch wenn andere Begrifflichkeiten darin Verwendung finden. 
Die Ethnologin und Kultur- und Süd-/Osteuropawissenschaftlerin Yvonne Robel befasst sich mit der Gedenkpolitik der Opfer des Nationalsozialismus’ mit Blick auf die Mahnmaldebatte von 1999 bis 2008 für Roma und Sinti in Deutschland.
Antiziganismen sind nicht nur in der Kinder- und Jugendliteratur wie beispielsweise in dem Kinderlied Gerhard Schönes „Die schlafende Zigeunerin“ zu finden, so Ines Busch in ihrem Beitrag „Das Spektakel vom ,Zigeuner’. Visuelle Repräsentationen und Antiziganismus“. Der Liedermacher Schöne nimmt Stereotypisierungen über „Zigeuner/innen“ auf wie eine stete Wanderschaft ohne festen Wohnsitz oder die besonders ausgeprägten musikalischen Fähigkeiten. Busch zeigt in ihrem Artikel, wie Antiziganismen in einer Reportage über Roma durch die National Geographic zum Vorschein kommen, wozu auch hier wieder das „Umherziehen“ zählt. Diese Tendenz wird durch entsprechende Fotoreportagen am Leben erhalten.
Die Autor/innen werfen auch einen Blick auf Antiziganismen in westeuropäischen Ländern. So beschäftigt sich Katrin Lange mit Antiziganismen in Italien und betrachtet die jüngsten Ereignisse von 2007 und 2008, zu denen Vertreibungen, Abschiebungen und gewaltsames und radikales Vorgehen der Politik gegenüber Roma gehören.
Jede/r Autor/in gibt zahlreiche und konkrete Verweise auf Forschungsliteratur an, sodass der/ die Leser/in tiefer in die Materie eintauchen kann. Der Sammelband ist ein geschichtlich und aktuell informativer Abriss über Diskriminierungen gegenüber Roma und Sinti. Er sensibilisiert zugleich für diese Thematik.
Mit Bibliografie und Hinweise zu den Autor/innen.

Elsa Lidola