Erreichbarkeit

Zur Zeit haben wir kein Büro. Sie erreichen uns per E-mail, bitte geben sie dabei eine Rückmeldemöglichkeit an: Kontakt

Sie möchten unser Engagement unterstützen?

Primor, Avi:
An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld : deutsch-jüdische Missverständnisse
/ Avi Primor; Christiane von Korff. – München; Zürich : Piper, 2010. – 307 S.
ISBN 978-3-ö492-04698-5

Treffender als in dem jüdischen Witz, mit dem die Autoren ihr Buch über Entstehungsgründe und Folgen antijüdischer Vorurteile einleiten, kann die Absurdität solcher Geisteshaltungen nicht veranschaulicht werden. Auf die provokante Frage von Nazis, wer schuld am Krieg sei, antwortet der zur Rede gestellte Jude: „Die Juden und die Radfahrer“. „Warum die Radfahrer?“, fragen die Nazis. „Warum die Juden?“, kontert der Angesprochene. (S. 9)
Bis heute hat die Frage „Warum die Juden?“ leider nichts von ihrer Aktualität verloren. Vorurteile gegenüber Juden, in „welchem Gewand sie auch daherkommen, ob als Ausdruck von Verachtung, als Kompliment, als Neid, ob im negativen oder positiven Sinn …“ (S. 253/254), sind langlebig und weit verbreitet.
Eine neue Dimension bekommt das Vorurteilsdenken in der Gegenwart durch den Nahostkonflikt. Kontrovers wird darüber diskutiert, ob Kritik an der jeweiligen israelischen Politik nicht erneut antisemitische Klischees bediene. „Was darf man in Deutschland und was nicht – welche Kriterien unterscheiden Antisemitismus von legitimer Kritik an Israel?“, fragt die Journalistin Christiane von Korff ihren Gesprächspartner Avi Primor während der Arbeit an ihrem gemeinsamen Buch. Wie kaum ein anderer vermag Primor, langjähriger Botschafter des Staates Israel in Deutschland, hervorragender Kenner und Interpret deutsch-jüdischer bzw. deutsch-israelischer Beziehungen, Klarheit in diese von Polemik und Emotionen unterwanderte Debatte zu bringen. Zitat: „Man kann die Sicht, auch hinter berechtigter Kritik stets Antisemitismus zu vermuten, nachvollziehen, rechtfertigen kann man sie jedoch nicht.“ (S. 179)
Über sein persönliches Bild von Deutschland und den Deutschen spricht er in dem Interview unter der Schlagzeile „Herr Primor, sind Sie eine moralische Instanz?“ zu Beginn des Buches.
Sein Prinzip: „Aufrichtigkeit im Umgang mit der Geschichte“. (S. 11) Unter diesem Aspekt befassen sich die beiden Autoren mit alten und neuen antisemitischen Vorwürfen und führen sie auf ihre historischen Ursprünge zurück. Zur Sprache kommen u. a. die „Auserwähltheit des jüdischen Volkes“, die „jüdische Weltverschwörung“, der angebliche Einfluss der Juden auf die Weltmedien, der „jüdische Bolschewismus“, die „Geldgier der Juden“ und die „Ausbeutung des deutschen Steuerzahlers“ durch Holocaust-Überlebende.
Zwölf Sachkapitel wechseln sich mit Interviews ab, die Korff mit Primor führte. Diese Gespräche reichen zum Teil weit über das eigentliche thematische Anliegen des Buches hinaus.
Aufgrund der Zustimmung, die antijüdische Ressentiments auch heute noch erhalten, stellt sich nicht nur den Autoren die Frage, ob der Antisemitismus in unserer Zeit  eine neue Blüte erlebt. Eine vielleicht unerwartete Antwort darauf geben sie in dem Kapitel „Der antisemitische Phönix steigt wieder aus der Asche“, das in diesem Band eine Schlüsselstellung einnimmt. Gestützt auf vorwiegend amerikanische Umfragen und Studien gelangen Korff und Primor zu der Einschätzung, dass es vor allem in Europa weiterhin Antisemitismus gebe, dieser aber entgegen aller Wahrnehmung im Abnehmen begriffen sei. (S. 184, 263) Bezogen auf deutsche Verhältnisse heißt das: „Das kritische Bewusstsein in Deutschland gegenüber antisemitischen Bemerkungen und Vorfällen gewährt der kleinen extremistischen Minderheit keinen großen Spielraum. Die Deutschen wollen Antisemitismus nicht zulassen, und das ist für mich entscheidend.“ (S. 23) In diesem Zusammenhang untersuchen die Autoren die Ursachen, die zur verbreiteten Annahme führen, der Antisemitismus würde sich verstärken und eine Gefahr für die Juden darstellen. Dabei richten sie den Blick auf den neuen, islamistischen Antisemitismus in Europa sowie auf den Nahostkonflikt. Der Nahostkonflikt steht auch im Mittelpunkt des Interviews „Herr Primor, wie kann Israel endlich Frieden finden?“ Primor entwickelt hier sein Konzept für eine Nahost-Friedenslösung bei Gewährleistung von Sicherheitsgarantien für Israel.
Dieses sehr material- und faktenreiche Buch orientiert sich an aktuellen Problemstellungen. Nach Vorstellung der Autoren ist es „ein Plädoyer gegen falsche Rücksichtnahmen im Verhältnis von Deutschen und Juden“ (S. 11) und soll zu einem besseren, freieren Verhältnis beitragen.
Anmerkungen, verwendete und zitierte Literatur, Quellennachweis.

M. Jonzeck