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Bönkost, Jule:
Zur Konstruktion des Rassediskurses im Englisch-Schulbuch
/ Jule Bönkost. – Trier : Wissenschaftlicher Verl., 2014. - 440 S. : zahlr. Abb. - (INPUTS; Bd. 5 ; Kritische Beiträge zum postkolonialen und transkulturellen Diskurs ; Schriftenreihe des Instituts für postkoloniale und transkulturelle Studien der Universität Bremen)
ISBN 987-3-86821-546-5

 

Die Auseinandersetzung um aktuelle Schulbuchinhalte gewann in den letzten Jahren in Deutschland zunehmend an Bedeutung. In die Kritik geraten sind dabei unter anderem die fehlende Darstellung unterschiedlicher geschlechtlicher Lebensweisen, die anhaltende Rekonstruktion geschlechtsspezifischer Rollenkonstruktionen und die Wiedergabe rassistischer Stereotype.
Bönkosts Beitrag untersucht Rassismus in Englisch-Schulbüchern. Mit einem diskursanalytischen Ansatz geht die Autorin dabei weit über eine Beschreibung von Inhalten hinaus. Sie nimmt an, dass sich Rassismus als gesamtgesellschaftliches Phänomen auch in Schulbüchern niederschlägt und erforscht, wie dies geschieht. Hierfür konzeptualisiert sie Rassismus mit Foucault als (Rasse)Diskurs. Die Autorin setzt sich sowohl theoretisch als auch empirisch mit der Fragestellung, inwiefern in Deutschland Englisch-Schulbücher an der (Re-)Konstruktion des Rassediskurses beteiligt sind, auseinander. Damit untersucht Bönkost auch, welche Funktion dem Schulbuch als spezifisches Medium im Kontext Rassismus zukommt.
Eine gegenwärtige fächerübergreifende Aufgabe der Schule in Deutschland ist die Förderung der „interkulturellen“ Kompetenz der Schüler_innen. Sie bereite, so die Annahme, die Lernenden adäquat auf eine globalisierte Welt und ihre Märkte vor. Zur Stärkung dieser Kompetenz hat „interkulturelles“ Lernen Eingang in Lehrpläne und Schulbücher gefunden. Bönkosts Beitrag hinterfragt das Konzept „interkulturelles“ Lernen kritisch. Die Autorin macht anhand der Analyse von 18 Englisch-Schulbüchern für die Sekundarstufe II exemplarisch deutlich, dass die sprachliche und visuelle Gestaltung sowie die Themenauswahl und Differenzierung von Schulbüchern maßgeblich aufgrund ihrer Aufbereitung als „interkulturelle“ Lerninhalte rassistische Strukturen unterstützen bzw. aufrechterhalten.
Die Arbeit besteht aus einem theoretischen und einem empirischen Teil und ist in sechs Kapitel gegliedert. Im ersten und zweiten Kapitel des Buches erfolgen zunächst die Einordnung der Studie in den aktuellen Forschungsstand und ein Überblick über die theoretischen Grundlagen. Dabei stehen die Begrifflichkeiten Rasse, Schulbuch und Diskurs im Mittelpunkt. Das anschließende Kapitel bildet mit der Darstellung der methodischen Vorgehensweise der unternommenen kritisch-dekonstruktiven Diskursanalyse die Grundlage für die im vierten und fünften Kapitel folgende empirische Untersuchung. Bönkosts Schulbuchanalyse konzentriert sich auf das Bild der USA in den Lehrwerken. Im Mittelpunkt stehen die Darstellungen von weißen und Schwarzen Amerikaner_innen. Diese Repräsentationen werden von der Autorin sowohl auf ihre formale Textstruktur als auch auf ihre aussageorientierte Struktur hin untersucht und im Hinblick auf implizite und explizite Äußerungsformen von Rassismus erforscht.
Bönkosts Auseinandersetzung mit den Schulbuchinhalten erfolgt zunächst mit sechs Einzelfallanalysen. Anhand der Feinanalyse ausgewählter Lerneinheiten veranschaulicht die Autorin exemplarisch die erfasste Art und Weise der Manifestation von Rassismus in den Schulbüchern. Anschließend wird die Struktur, über die sich nach Bönkost Rassismus als Diskurs in den Schulbüchern niederschlägt, fallübergreifend und differenziert nachgezeichnet. Die Besprechung der relevanten Textmuster wird mit vielen anschaulichen Grafiken, die auch einen Überblick über Häufigkeitsverteilungen von Merkmalen geben, unterstützt. In diesem Arbeitsschritt rekonstruiert die Autorin eine „komplexe Konstruktion weißer Normalität und die Anderung ‚Schwarzer’ als von dieser Norm abweichend.“ (S. 372) In der Analyse von Themen, Begriffsbildungen sowie der Textstruktur und Sprachverwendung in den Lehrwerken identifiziert Bönkost eine Reihe von rassismusrelevanten „Positionierungsstrategien“, „die gemeinsam eine Repräsentation der USA ausbilden, die von einer weißen Sichtweise eingefärbt ist.“ (S. 308) Beispielsweise sei häufig von „Rasse“ die Rede, jedoch werde der Begriff in keinem Lehrwerk explizit erläutert oder als soziales Konstrukt beschrieben. Vielmehr würde mit drei typischen Verwendungskontexten für den Ausdruck die Annahme von „Rasse“ als „natürliche Identitätskategorie und gesellschaftliches Ordnungskriterium“ (S. 270) gestützt. Die Begriffsverwendung präsentiere sich außerdem mehr als diffus. Im fünften Kapitel werden die nachgezeichneten Schulbuchinhalte von der Autorin im Hinblick auf ihre soziale Bedeutung interpretiert. Bönkost kommt zu dem Ergebnis, dass die Schulbücher mit ihrem Bild der USA „als unsichtbare Bedeutung eine die deutsche Gesellschaft betreffende weiße Subjektposition“ (S. 334) aushandelten und anböten. Sie stellten den Leser_innen „die Normalität der rassischen Ordnung der sozialen Welt“ (S. 333) bereit. „Die Lehrwerke eröffnen einen performativen Raum, in dem ein Handeln nur innerhalb der schon bestehenden Ordnung des Rassediskurses legitimiert ist, und passen damit das Subjekt in den herrschenden Rassediskurs ein.“ (S. 334) Schließlich stellt die Autorin Überlegungen dazu an, was die untersuchten Schulbuchinhalte über die Fachdidaktik, Schulbuchverlage, Lehrer_innen und Schüler_innen aussagen. Die Schulbuchinhalte werden vor dem Hintergrund ihres pädagogischen Kontextes interpretiert.
Als kennzeichnend für die untersuchten Schulbücher hebt Bönkost hervor, dass sich diese zwar vielfach ausdrücklich mit dem Thema „Rasse“ in den USA auseinandersetzten, sie die Leser_innen jedoch nicht zu einem kritischen Umgang mit Rassismus aufforderten. „Rasse“ käme in den Schulbüchern lediglich Bedeutung als „Merkmal der ‚Vielfalt’“ (S. 335) zu. Die Autorin verfällt aber nicht in Pessimismus. Sie versteht die vorgefundene Thematisierung von race in den Schulbüchern als Anknüpfungspunkt für eine mögliche zukünftige Kritik an Rassismus in Schulbüchern. Diese setze nämlich eine Auseinandersetzung mit dem Thema „Rasse“ voraus. Aufbauend auf ihren Analyseergebnissen benennt Bönkost Potentiale des Englischunterrichts für eine Kritik an Rassismus und formuliert Ideen und konkrete Vorschläge für eine rassismuskritische Gestaltung der Inhalte von Englisch-Lehrwerken. Dazu gehöre ganz wesentlich die konsequente Politisierung des thematischen Diskursstranges „Rasse“. Bedeutsam sei zudem „nicht primär die Auswahl der Themen, sondern eine politische Rhetorik, die die Repräsentationen der Kollektive [„Weiße“ und „Schwarze“] konsequent kennzeichnet“ und die Gruppen als „unterschiedliche, gewordene Positionen der Macht“ (S. 361) versteht. Im sechsten Kapitel erfolgt als Abschluss in Form einer Zusammenfassung ein Überblick über die wichtigsten Aspekte und Erkenntnisse aus dem diskursanalytischen Arbeitsprozess.
Die Arbeit zeichnet sich durch eine klare und gut nachvollziehbare Struktur sowie durch eine verständliche und leser_innenfreundliche Argumentationsweise aus. Somit bleiben die Schlussfolgerungen trotz der anspruchsvollen diskursanalytischen Vorgehensweise und angewandten Methodik gut nachvollziehbar. Mit der Zusammenführung von Perspektiven aus der Amerikanistik, den Erziehungswissenschaften sowie der Schulbuch- und Rassismusforschung gelingt es der Autorin, eine äußerst aktuelle Problematik in ihrer Komplexität zu erfassen. Das Buch ist nicht nur für ein breites wissenschaftliches Fachpublikum interessant, sondern bietet auch Anknüpfungspunkte für alltagspraktische Lehrkonzepte im englischsprachigen Schulunterricht. Vor allem die Fallbeispiele zeigen, auf welche Weise Kinder und Jugendliche durch vermeintlich „objektives“ Wissen in Schulbüchern beeinflusst werden können und wie wenig die Bedeutung der bereitgestellten Lerninhalte hinterfragt wird.
Mit ihrer kritischen Studie leistet Bönkost einen Beitrag, mit dem sie das Fortbestehen gesellschaftlicher Ungleichverhältnisse aufgrund von Rassismus problematisiert. Die Ursachen von Rassismus können nur durch ein Hinterfragen alltäglicher Praktiken identifiziert und beseitigt werden. Für alle, die ein Interesse an diskriminierungskritischem Fremdsprachenunterricht haben, ist das Buch deshalb äußerst empfehlenswert. Es verdeutlicht nicht zuletzt die Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit alltäglichen Rassismen auch in den staatlichen Bildungseinrichtungen.
Die Arbeit enthält ein umfassendes Literaturverzeichnis und einen Anhang mit ausführlichen Quellenangaben zur empirischen Schulbuchanalyse.

Josephine Apraku

 

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