Webereihandwerk der Lao
Das Webereihandwerk der Lao in Nordost-Thailand und Laos - Gestern und Heute
Das Webereihandwerk besitzt in Südostasien eine jahrtausendealte Tradition und ist bis heute bei fast allen Völkern, die diese Region besiedeln, verbreitet. Seinen Ursprung
besitzt es in der Gras- und Bambusflechterei. Es wurden verschiedene Gräsersorten haltbar gemacht und gefärbt, um dann - ohne technische Hilfsmittel - in vielfältigen Mustern
und natürlichen Farbnuancen zu Kleidungsstücken, Hüten, Kämpferrüstungen, Ritualtüchern und Decken, aber auch zu Hauswänden, landwirtschaftlichen und Fischfanggeräten
oder Haushaltsgegenständen und Möbelstücken geflochten zu werden.
Die Weberei erforderte die Entwicklung technischer Geräte, wie das Handwebbrett oder später den Handwebstuhl. Gräser, Rinden und Pflanzenfasern wurden durch edlere
Materialien - Baumwolle, Seide und später auch Edelmetallfäden - ersetzt. Es wurden neue Färbeverfahren und Webtechniken entwickelt.
Zum Färben der Rohbaumwolle oder Seide werden bei den traditionellen Verfahren natürliche Farbstoffe, die aus Pflanzenfasern, Rinden, Wurzeln, Früchten, Samen oder
Mineralien gewonnen werden, verwendet. Ein spezielles Färbeverfahren ist die Mat-Mi-Technik, besser bekannt als Ikat-Technik. Dabei werden die Kettfäden auf die
Webvorrichtung aufgespannt und mit farbundurchlässigem Pflanzenmaterial in Mustern abgebunden, so daß in mehreren Arbeitsgängen ein mehrfarbiges Muster auf den
Kettfäden entsteht, bevor der eigentliche Webvorgang beginnt.
Der Handwebstuhl, den man vor allem in Festland-Südostasien findet, ist eine komplizierte technische Vorrichtung. Mittels eines flexibel eingebauten Fadenteilsystems -
ähnlich eines Lochkarten-Steuerungssystems - ist es möglich, unterschiedlichste Brokatmuster in jeder beliebigen Farbgebung zu weben. Die Fadenteil- oder Mustereinrichtung
ist auswechselbar, dadurch können jederzeit beliebige neue Muster gewebt werden. Die Herstellung einer Mustervorlage für das Fadenteilsystem verlangt eine hohe
mathematische Abstraktionsfähigkeit und Kreativität. Jeder einzelne Schußfaden wird auf der Mustereinrichtung vorprogrammiert, so daß während des Webvorgangs
komplizierte Muster-Farb-Kompositionen ohne großen zeitlichen Aufwand hergestellt werden können.
Die Weberei von Baumwoll- und Seidenstoffen stellte in den alten Königreichen der Lao einen wichtigen wirtschaftlichen Faktor dar. Bereits im 12. und 13.
Jahrhundert wurden Brokatstoffe an den chinesischen Hof exportiert. Die Stoffe waren ein begehrtes Handels- und Tauschgut im gesamten südostasiatischen Raum.
Die traditionellen Gesellschaften der Lao lebten in Subsistenzwirtschaft, sie versorgten sich mit allem Lebensnotwendigen selbst. Stoffe wurden ebenso wie
Gold und Silber vor allem gegen Meersalz getauscht.
Die von Hand gewebten Stoffe werden bis heute zu rituellen Zwecken benutzt oder zu Kleidungsstücken und Gebrauchstextilien verarbeitet. Da bestimmte
Muster nur im erweiterten Familienkreis weitergegeben wurden, besaß jeder Familienstamm seine typische Kleidung. Bis heute haben sich die Eigenheiten einzelner
Volksstämme, Dörfer oder Regionen erhalten.
Aus der qualitativen Beschaffenheit und den verwendeten Materialien der Kleidung war der soziale Status oder die gesellschaftliche Funktion einer Person erkennbar.
Spezielle Kleidungsstücke gab es für Übergangszeremonien wie Geburt, Hochzeit und Tod, aber auch für Heilkundige und Hebammen, für Astrologen, Zeremonialmeister oder
Musiker.

Das Webereihandwerk wurde in Thailand durch die industrielle Herstellung von Stoffen und Textilien stark verdrängt. Nur in wenigen Dörfern Nord-
und Nordostthailands ist die Tradition des Webereihandwerks erhalten geblieben. Für touristische Zwecke und im Rahmen einiger Hilfswerke für Frauen
wurde die traditionelle Weberei wiedereingeführt. Lange Zeit galt es als unmodern, die traditionellen Stoffe als Bekleidung zu tragen, doch ändert sich diese
Ansicht mehr und mehr. In Laos ist das Webereihandwerk bis heute weit verbreitet und bildet eine wichtige Exportbranche für das Land.
Soziale Aspekte des Webereihandwerks
Das Webereihandwerk wurde und wird fast ausschließlich von Frauen ausgeübt. Mädchen erlernen das Weben bereits im Alter von 6-7 Jahren von älteren
Verwandten. Ausgewählte Webmuster werden nur im Familienkreis weitergegeben. Mitunter gehen junge Mädchen auch bei Meisterinnen des Handwerks in
die Lehre. Wenn eine junge Frau heiraten will, so heißt es, soll sie weben können. Eine rotfarbige gewebte Stofftasche spielte bei der Wahl der zukünftigen
Eheleute eine zentrale Rolle. Ein Mädchen konnte ihrem Auserwählten mit der Übergabe der Tasche ihren Heiratswunsch mitteilen, oder aber ein Bursche
stahl sich eine rote Tasche und gab sie mit Geschenken gefüllt an das Mädchen zurück. Aus der Webqualität der Tasche konnte die Familie des Mannes
ersehen, wie hoch der Brautpreis sein würde, denn die handwerklichen Fähigkeiten der Frau waren ein entscheidender Punkt bei der Festlegung des Brautpreises,
den die Familie des Bräutigams an die Familie der Braut zahlen muß.
Mit der Weberei besitzen die Frauen eine eigene und vergleichsweise hohe Einkommensquelle. Darauf basiert ihre hohe Stellung innerhalb des
familiären Gefüges. In den traditionellen Gesellschaften der Thai und Lao waren Frauen die Verwalterinnen der Familienkasse, die aus edlen Stoffen,
Gold und Silber bestand. In Zeiten von Not oder nach schlechten Ernten konnte durch den Verkauf zurückgelegter Stoffe das Überleben abgesichert
werden.
Traditionelle Stoffe in Kult und Ritual
Die Muster und Farben der traditionellen Stoffe haben zumeist einen religiösen Hintergrund. Die Lao glauben an die Beseeltheit der Natur.
Ihre uralte Naturreligion, die sie lange schon vor der Übernahme des Buddhismus ausübten, hat sich in ihren Grundzügen bis heute erhalten und ist in
die für diese Völker typische Form des synkretistischen Buddhismus eingeflossen. Traditionelle Vorstellungen wie Seelenkulte, die Verehrung der
Ahnen und Urahnen und die überlieferte Weltanschauung, derzufolge das Universum viele verschiedene Ebenen besitzt, von denen die faßbare diesseitige
Welt nur ein Ausschnitt ist, kehren selbst in der Ausübung buddhistischer Rituale und Zeremonien immer wieder.
Die Verehrung der Natur kommt durch die Motive und Symbole, die die handgewebten Stoffe zeigen, zum Ausdruck. Andererseits finden spezielle
Stoffe in Ritualen zur Anbetung der Natur und der Ahnen Verwendung. In der überlieferten Lebensphilosophie versteht sich der Mensch als geringer
Teil des natürlichen Kosmos ohne direkten Einfluß auf das naturgegebene Weltgeschehen ausüben zu können. Lediglich durch Respektsbezeugung
und Opfergaben an die Ahnen und die Mächte der Natur - die man sich als Wasser-, Baum-, Berg- oder Windgeister vorstellt - glaubt man, das
Schicksal oder Karma positiv beeinflussen zu können.
Bei Heilungs- und Seelenanrufungszeremonien, die die Großfamilie für einen Kranken oder als seelisches Begleitritual im Vorfeld von Reisen, Hochzeiten,
Namensgebungen usw. veranstaltet, werden kunstvoll gewebte Tücher symbolisch als Opfergaben an die Ahnen übergeben. Der Zeremonialmeister oder
häufig auch eine -meisterin versucht ihre Ausstrahlungskraft und ihre Fähigkeiten durch das Umbinden von mit magischen Symbolen versehenen Tüchern
zu erhöhen. Auch derjenige, für den die Zeremonie durchgeführt wird, schmückt sich mit einem neuen Webtuch, welches ihn bei seinem Eintritt in den
neuen Lebensabschnitt schützen und begleiten soll.
Kommunale buddhistische Zeremonien sind ohne handgewebte Fahnen und Wimpel nicht denkbar. Die Fahnen, reich verziert mit buddhistischen und
traditionellen Schutzsymbolen, werden zu festlichen Anlässen rings um das Kloster gehißt, um negative Kräfte und Mächte vom Geschehen fernzuhalten.
Geheiligte Gegenstände wie Palmblattschriften, Schwerte oder Betelscheren werden zur Aufbewahrung in Webstoffe eingewickelt. Weiße Elefanten,
die als Heilbringer verehrt werden, bedeckt man zum Schutz und als Schmuck mit edlen Tüchern.
Auch bei traditionellen Bestattungsriten spielen gewebte Totentücher eine wichtige Rolle. Den Stoffen wird eine magische Wirkung zugesprochen,
die den Toten bei seiner Reise in die anderen Weltebenen und bei einer möglichen Wiedergeburt beschützen soll. Neugeborene Kinder wiederum
werden in ähnliche Tücher gewickelt, um sie vor negativen Einflüssen zu schützen.
Die Natur in der Kunst - Symbolik und Motive

Der Reichtum an Mustern und Motiven, die leuchtende und doch harmonische Farbigkeit macht die Weberei der Thai und Lao zu einem Kunsthandwerk,
welches weltweit Bewunderung findet und als Beispiel par excellence für die künstlerische Ausdruckskraft innerhalb traditioneller agrarischer Gesellschaften
steht.
Die Symbole, welche traditionell gewebte Stoffe kennzeichnen, finden ihre Vorbilder in der Natur und Mythologie. Die am häufigsten vorkommenden Motive sind:
Phraya Naak oder Ngüak
In der traditionellen Weltanschauung der Thai und Lao ist der mythische Phanya Naak (in pali: Naga) in Form einer Schlange Herrscher über das
Wasser und den Regen und damit gleichzeitig über den Menschen. Denn die Nassreis kultivierenden Bauern waren der Verfügbarkeit des Wassers
vollkommen ausgeliefert. Der Phanya Naak ist ein Symbol, das gleichzeitig Schutz bietet und Ehrfurcht einflößt.
Sonnenvogel oder Garuda
Der Sonnenvogel ist ein Himmelstier und wird als Widersacher des Naak betrachtet. Er überwacht den Phanya Naak, daß er dem Menschen
kein Leid zufügen möge. Obwohl sich die beiden Tierfiguren als Widersacher gegenüberstehen, bedingen sie sich in ihrer Existenz.
Elefant
Der Elefant verkörpert Weisheit, Stärke und Edelmut. Er ist Gott der guten Unternehmungen, Beschützer aller Reisenden und Beseitiger
jeglicher Hindernisse. Das Elefantensymbol ist glückverheißend und soll ein langes Leben bescheren.
Rajasiha
Der Rajasiha ist ein Fabelwesen, ein mythisches Tier gemischt aus Löwe, Schuppentier und Vogel. Man sagt von ihm, er sei der König der Tiere.
Das Symbol besitzt eine Schutzfunktion vor Naturgewalten und Unfällen.
Huhn
Dem Huhn werden magische Fähigkeiten zugeschrieben. Es verkörpert Fruchtbarkeit und wird in vielen Ritualen als Opfertier geschlachtet. Mit Hilfe von Hühnereiern werden auch Weissagungen getroffen.
Palmenblatt und Blume
Palmenblätter und Blumen werden generell für rituelle Zwecke und als Opfergaben benutzt. Palmenblätter symbolisieren gleichzeitig den Lebensbaum
und stehen als Bindeglied zwischen Himmel und Erde.
Raute oder Stern
Die Raute ist ein häufig verwendetes Symbol. Ihre geometrische Form veranschaulicht den Kosmos mit seinen vier bzw. acht Himmelsrichtungen. Raute oder
Stern (in Lao: ta leo) werden häufig als Schutzsymbol bei familiären und kommunalen Zeremonien verwendet. Sie sollen negative oder störende Kräfte
abweisen.
Großer Diamant
Die ursprüngliche Bedeutung des Großen Diamanten ist noch ungeklärt. Er mag aus Raute oder Stern hervorgegangen sein. Häufig wird er aus
kleinen Naak-Köpfen gebildet. Zuweilen wird er auch ähnlich wie im tibetischen Buddhismus als Drittes Auge interpretiert, welches das Weltgeschehen
beobachtet und als gerechter Richter überwacht.
Palast
Der Palast oder Palasttürme stellen die Himmelswelten dar, wo die Götter und Thewada, glückselige Himmelswesen, leben. Sie besitzen überirdische
Kräfte und sind dem Menschen in vielen Dingen überlegen. Die Thewada können dem Menschen in Notsituationen helfen.
Stupa
Der Stupa ist ein buddhistisches Symbol und wird als religiöses Heiligtum verehrt. Im praktischen Leben werden in einem Stupa Reliquien, heilige Texte
oder religiöse Kunstwerke aufbewahrt. Stupas sind Hilfsmittel zur Meditation und symbolisieren den Erleuchtungszustand.
Schutzgenius oder Urahn
Schutzgenien und Urahnen werden immer in Form eines Menschen dargestellt, wodurch ihre Nähe zu den im Diesseits Lebenden ausgedrückt werden
soll. Sie wachen über das Fortbestehen der Menschheit und sind Schutz- und Fruchtbarkeitssymbole gleichermaßen.
Andere glückbringende Motive sind Tiere des Wassers wie Krabben und Fische, aber auch Enten, Pferde, Früchte und das auf Schals häufig vorkommende
Schlüssel- oder Hakenmuster.
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