Polen in Deutschland und Berlin


Am 1. Mai 2004 wuchs die Europäische Union um zehn neue Staaten. Neben den bisherigen 15 Mitgliedsländern gehören nun Estland, Lettland, Litauen, Malta, die Slowakei, Tschechien, Ungarn, Zypern und Polen zur europäischen Familie.

Die Zahl polnischsprachiger Bürger, die zu dieser Zeit in der Bundesrepublik leben, wird auf über zwei Millionen geschätzt. Das entspricht etwa 2,5% der Gesamtbevölkerung. Infolge der ausgeprägten Heterogenität dieser "polnischsprachigen bzw. polnischen Community" erscheint nur ein geringer Teil in der Einwanderungsstatistik. Der Begriff "Polnischsprachige" bezieht sich in diesem Zusammenhang auf Kenntnis und Gebrauch der polnischen Sprache bzw. des schlesischen Dialekts als kleinster gemeinsamer Nenner dieser Gruppe, deren Heterogenität nicht zuletzt aus der Geschichte der Einwanderung nach Deutschland resultiert, wie Andrzej Kaluza (Zuwanderer aus Polen in Deutschland, in rosaluxemburgstiftung), dessen Manuskript den folgenden Ausführungen über die polnische Einwanderung zugrunde liegt, ausführt.

Die erste größere Einwanderung erfolgte in den siebziger Jahren des 19. Jh. Mit der Niederlassung der sogenannten Ruhr-Polen, die sich im Zuge der Industrialisierung vornehmlich an Rhein und Ruhr, aber auch in anderen Regionen, darunter in und um Berlin, ansiedelten. Es handelte sich bei ihnen um eine ethnisch und kulturell homogene Gruppe, die eigene nationale Bewusstseins- und Organisationsformen entwickelte.

Eine geringe Anzahl Polen blieb nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Das waren sowohl ehemalige Zwangsarbeiter und KZ-Insassen, die zunächst in speziellen Lagern versorgt wurden, ehe sie in ihre Heimat zurückgeführt wurden, als auch polnische Angehörige der alliierten Armeen. Es wird geschätzt, dass etwa 40.000 von ihnen Deutschland nicht verließen.

Die Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten betraf in erster Linie ethnische Deutsche. Polnischsprachige unter ihnen, die in gewissem Sinne über eine "doppelte nationale Identität" verfügten und durch ein "schwebendes nationales Bewusstsein" gekennzeichnet waren, blieben in der Regel von der Vertreibung ausgenommen. Als so genannte Autochthone waren sie bis 1989 dem Misstrauen und der Diskriminierung der kommunistischen Regierung unterworfen, was ihren Drang nach Migration in die Bundesrepublik verstärkte.

Mit diesen Migranten ist in Deutschland der Begriff "Aussiedler" und seit 1975 "Spätaussiedler" verbunden. 1956 durften etwa 200.000 Deutsche, darunter viele Autochthone, zum ersten Mal legal aus Polen emigrieren. Ende der sechziger Jahre kam die Auswanderung aus Polen zum Stillstand. Anfang der siebziger Jahre setzte jedoch eine neue Welle ein, nachdem Polens Regierung Auslandsreisen auch für Privatpersonen zuließ. Nach den deutsch-polnischen Abkommen von 1970 und 1975 haben bis 1990 etwa eine Million Zuwanderer Polen verlassen.

Mehr als zehn Jahre nach dieser letzten großen Einwanderung sind Merkmale einer polnischen Community noch immer sehr schwach ausgeprägt. Es fehlen ihr die nach außen sichtbaren Zeichen. Insofern sind Polen in Deutschland auch heutzutage eine "unsichtbare" Minderheit.

Auch in Berlin spielt die polnische Community in der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion kaum eine Rolle. Die meisten polnischen Zuwanderer lassen sich nur schwer als solche erkennen. Es gibt hier zwei Gruppen: 1. Menschen, die vor 15 oder 20 Jahren aus Polen in die Bundesrepublik kamen. Viele von ihnen haben ihre polnische Herkunft vergessen und sprechen ihre Muttersprache nur noch mit Akzent. Die 2. Gruppe bilden Zuwanderer, die sich kaum oder nicht anpassen, kaum Deutsch sprechen und ihre polnische Identität bewahren wollen.

Polen aus Sicht der Berliner

° Wenn man einen Blick in die deutschen Zeitungen wirft, gewinnt man den Eindruck, dass Polen für Deutsche nur von überregionaler Bedeutung ist. Es werden meistens solche Themen berührt wie die Erweiterung der EU (vor allem in Bezug auf die Arbeitnehmerfreizügigkeit), Zwangsarbeiterentschädigung und die deutsch-polnische Vergangenheit. Viele Berichte gelten Diebstählen und kriminellen Schlepperbanden.

° Im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion zum Thema Ost-Erweiterung der EU stehen in Berlin und Brandenburg die Risiken, und nicht die Chancen. So lässt sich wenig an der eher skeptischen Haltung der Bevölkerung ändern.

° Wie sehen wirtschaftliche Beziehungen zwischen Berlin und Polen in der Wahrnehmung Einzelner aus? Ein deutscher Manager sagt über die allgemeine Einstellung der deutschen Geschäftsleute den polnischen gegenüber: "Manchmal beobachte ich Manager, wie sie sich bemühen, sich auf die Kultur und die Businesskultur in Frankreich einzustellen oder in Amerika, in England. Wenn die gleichen Manager nach Polen gehen, werfen sie alles über Bord und tun so, als kämen sie als Entwicklungshelfer."

° Die Berliner Hoteliers und Händler haben auf die EU-Erweiterung bislang kaum reagiert. In den Hotels gibt es keine Informationsbroschüren in polnischer Sprache, in den Restaurants keine Speisekarten auf Polnisch.

° Der Osten Europas, auch Polen, ist für Berlin bislang vornehmlich als Absatzmarkt und als kommerzielles Betätigungsfeld für Firmen interessant. Die Im- und Exporte von und nach Polen laufen jedoch weitgehend an der deutschen Hauptstadt vorbei. Am Warenaustausch mit Polen ist Berlin nur im geringen Ausmaß - mit 1,82 % - beteiligt. Die Spitzenreiter sind hier Nordrhein-Westfalen (28 %), Niedersachsen (15 %) und Bayern (12 %).

° Polnische Produkte sind in Berlin kaum bekannt. Deutsche tun sich mitunter schwer mit polnischen Lebensmitteln. Marianna Klon, die Inhaberin des polnischen Spezialitätengeschäfts in der Pestalozzistraße in Charlottenburg, meinte dazu: "Viele kennen unser Land nicht und haben Vorurteile. Bei mir kauft zum Beispiel eine polnische Kundin Wurst für ihren deutschen Mann. Aber einen Kassenbon und die Plastiktüte darf er nicht finden, denn Wurst aus Polen würde er nie essen."

° Etwa 23 % des polnischen Exports von Agrarprodukten und Nahrungsmitteln sind für Deutschland bestimmt. Davon belegen Milchpulver, Geflügel und Obst (Beeren) bzw. Produkte daraus immer noch die vorderen Plätze. Ein direktes Marketing polnischer Produkte in Deutschland gibt es jedoch kaum. Viele polnische Firmen erfüllen die EU-Kriterien nicht, weshalb sie keine Exportlizenz erhalten.

° In jedem Grenzgebiet, und Berlin ist nur 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, gilt Zweisprachigkeit als die wichtigste Voraussetzung für interkulturelle Kompetenz. Polnisch gilt in Berlin immer noch als exotische Sprache. Nur an drei Schulen in Berlin wird Polnisch unterrichtet (Russisch gibt es an 49 Berliner Schulen).
Im benachbarten Brandenburg sieht die Situation anders aus. Über 1.200 Schüler lernen in diesem Bundesland Polnisch - an vier Schulen: in Frankfurt (Oder), Guben, Gartz und Neuzelle. Davon wird etwa 900 Schülern Polnisch als zweite Fremdsprache und über 300 Schülern als Begegnungssprache vermittelt. Das Programm "Spotkanie heißt Begegnung - Ich lerne deine Sprache" finanziert die Landesregierung Brandenburgs mit 400.000 Euro jährlich. Für diesen Unterricht wurden 30 Lehrerstellen besetzt. Im August 2003 legte das Pädagogische Landesinstitut Brandenburg einen Rahmenlehrplan Polnisch vor, in dem der Unterricht der Nachbarsprache als interkulturelle Aufgabe im Zusammenhang der Osterweiterung verstanden ist. In Berlin dagegen befindet sich ein solcher Plan noch nicht einmal in Bearbeitung.
116 Brandenburger Schulen haben eine Partnerschaft mit einer polnischen Schule geschlossen.

° In Berlin bieten nur wenige Schulen ein Polen-bezogenes Programm an. Vom Schuljahr 2005/2006 an wird die Robert-Jungk-Oberschule in Wilmersdorf staatliche deutsch-polnische Europaschule mit gymnasialer Oberstufe.
Im September 2003 begann am "Oberstufenzentrum Bürowirtschaft und Verwaltung" der Berufsunterricht der ersten "ProPolska-Klasse". Die Ausbildung, an der 12 angehende Kaufleute teilnehmen, dauert drei Jahre. Sie beinhaltet auch Polnischunterricht und ein 6-monatiges Praktikum in Polen.
An den drei Berliner Universitäten gibt es hingegen keinen einzigen Studiengang für das Lehramt Polnisch.

Berlin aus Sicht der Polen

° Über Berlin wird in den polnischen Medien sehr ausführlich geschrieben und berichtet. Die meisten Polen, besonders aus dem westlichen Teil des Landes, verfügen über ein sehr gutes "Gebrauchswissen" über die deutsche Hauptstadt. Berlin-Besuche sind für polnische Reisende, Besucher und Pendler eine Selbstverständlichkeit geworden. Die Stettiner fliegen von Berlin-Tegel aus in den Urlaub, die Breslauer pendeln öfter nach Berlin als nach Warschau, die Messe in Posen gilt für polnische Unternehmen als wirtschaftliches Sprungbrett nach Westeuropa. Und schließlich zieht die Love Parade viele junge Polen nach Berlin. Die Berliner Flughäfen sind zwar noch nicht die Drehkreuze nach Warschau oder Riga - diese Funktion haben Frankfurt am Main, München oder Prag - sie sind aber für Polen ein Tor nach West-Europa. Insbesondere für den Flughafen Berlin-Schönefeld werden starke Passagierzuwächse erwartet; von hier werden viele Polen künftig nach Mallorca oder andere Ferienparadiese fliegen.

° Polnische Pendler arbeiten in Berlin überwiegend auf dem Bau oder im Bereich privater Dienstleistungen.
2003 haben 27.000 Polen in Berliner Hotels übernachtet. 40 Prozent aller Umsätze ausländischer Kunden im Berliner Handel entfallen auf russische und polnische Touristen. Wie Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes meint, handelt es sich um eine "elegante Kundschaft" mit einem enormen Nachholbedarf an Konsumgütern.

° Andererseits ist, wie Jacek Barelkowski, Inhaber eines Reisebüros und Vorsitzender des Vereins polnischer Kaufleute, ausführt, "Berlin für die polnischen Firmen kein Standort, sondern vor allem Absatzmarkt." Als Gründe nennt er hohe Preise und Löhne in der deutschen Hauptstadt. Über die Hälfte der in Berlin ansässigen polnischen Geschäftsleute sind in der Handelsbranche, vor allem in Import-Export-Geschäften, tätig. An erster Stelle stehen Arzneimittel und Autos.

°Mit der Osterweiterung der Europäischen Union werden immer mehr Erleichterungen bei der Gestaltung der deutsch-polnischen Kontakte geschaffen.
Seit Mai 2004 haben die Deutsche Bahn und die Polnische Bahn Preissenkungen für Zugfahrten zwischen Berlin, Brandenburg und Polen vereinbart. Das Schöne-Wochenend-Ticket und das Brandenburg-Ticket gelten nun bis Szczecin und Kostrzyn - durchgehend und ohne Aufpreis. Auch Radausflüge werden attraktiver. Fahrradkarten der Deutschen Bahn und des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) gelten auch bis Szczecin und Kostrzyn. Mit einem VBB-Anschlusstarif gibt es zusätzliche Preissenkungen: eine Fahrt von Berlin nach Stettin verbilligt sich beispielsweise um 29 Prozent auf 15,10 Euro. Außerdem werden Zeitkarten eingeführt. Eine Monatskarte für die Strecke Berlin-Szczecin kostet 149 Euro.

FAZIT:

Es herrscht eine Asymmetrie der Interessen. In Berlin schaut man seit der Wende vor allem in Richtung Westen und übersieht, dass Polen nur 80 Kilometer entfernt ist, Paris oder London dagegen mehr als 1.000 Kilometer. Für die Berliner endet die europäische Grenze im wesentlichen weiterhin an Oder und Neiße.
Für die Polen ist Berlin ein "Tor zum Westen" geworden. Viele Pendler arbeiten hier, außerdem gibt es viele Touristen und Shopping-Reisende. Ein "Tor zum Osten" ist Berlin jedoch noch nicht geworden. Diese Funktion erfüllen im Moment eher Wien, Warschau oder Prag.
In welchem Maße Berlin wirklich zur Ost-West-Drehscheibe in einem vereinigten Europa werden wird, hängt auch davon ab, in welchem Maße Ressentiments gegen polnische Handels- und Geschäftspartner, Touristen und Arbeitskräfte, aber auch gegen Migranten und Ausländer jedweder Nationalität abgebaut und überwunden werden.

Essay "Deutschland und Polen - Deutsche und Polen"


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